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Muriverlag

Ulrich Erckenbrecht
Im Weidengarten 19, D-34130 Kassel
info@muriverlag-erckenbrecht.de

 

Ulrich Erckenbrecht, Die Unweisheit des Westens. Essays zur Philosophie und Sprachkritik.

224 Seiten, 10,- Euro
ISBN 3922494153

Leseprobe: siehe unten

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Leseprobe "Die Unweisheit des Westens"

Titeleien

Von der Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie zu lesen

In einer Stadt des äußersten Süddeutschland wollte ich, als Geschenk, "A l'ombre des jeunes filles en fleurs" kaufen. Nach der neuen deutschen Übersetzung heißt das ,Im Schatten junger Mädchenblüte'. Ich bedaure, das haben wir leider nicht vorrätig, sagte die junge Verkäuferin, aber wenn Ihnen mit ,Mädchen im Mai' gedient ist —
(Adorno)

Unter Titelei versteht man im schlitzohrigen Buchhändlerchinesisch die Gesamtheit der Titelangaben, die dem eigentlichen Text in einem Buch vorangehen. Man unterscheidet zwischen Schmutztitel, Sammeltitel, Obertitel, Untertitel, Impressum und anderen Kinkerlitzchen. So kinkerig sind diese Litzchen gar nicht, denn von den Titeln, besonders von dem Obertitel, hängt der Erfolg eines Buches entscheidend ab. In der gegenwärtigen Bücherschwemme, in der viele Leser orientierungslos herumstrudeln, sind die Büchertitel auffällige Etikette, die den müden Augen einen Halt geben und sie in bestimmte Konsumkanäle schleusen. Wer an den Schaufenstern von Buchhandlungen vorbeidefiliert, wird von glänzend gedruckten, ins Auge springenden Titeln regelrecht angemacht. Was die goldbetreßten Zerberusse an den Türen zwielichtiger Bars, das sind die Titel auf der Vorderseite der Bücher; die Kunden glotzen darauf, und schon eilen sie in den Laden, um den Büchern die Umschlagkleider zu öffnen, ihr Inneres zu beschauen, ein paar Stichproben zu machen und sie gegen Bargeld abzuschleppen. Aber wie das so ist: oft fällt man auf Nepp herein, und ein schaler Nachgeschmack bleibt zurück.

Wer sich auskennt, verharrt lieberdraußen und überlegt sich das Ganze noch einmal. Wie aber schafft man es, sich auszukennen, wo es doch unmöglich ist, alle Neuerscheinungen in die Hand zu nehmen und auf Herz und Nieren zu prüfen? Einen Ausweg bietet die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie zu lesen — eine unentbehrliche Kunst im Zeitalter der Massenproduktion. Der Untertitel meines Aufsatzes ist nicht satirisch gemeint, und ich möchte allen Ernstes, wenn auch mit einem gewissen Zwinkern im Knopfloch, diese edle Hokuspokuskunst verteidigen. Ich sehe im gleichen Augenblick einen Einwand auf mich einstürmen, dessen ich mich nur
erwehren kann, indem ich ihm Recht gebe: redlicherweise darf man erst dann ein ausformuliertes Urteil über die Qualität eines Buches abgeben, wenn man selbiges von der ersten bis zur letzten Seite aufmerksam gelesen hat. Die Berechtigung dieser Forderung möchte ich nicht in Abrede stellen, und wenn sie zur Polemik gegen oberflächliche Konsumenten, schludrige Rezensenten, summarische Dozenten und andere lahme Enten dient, wird sie mich stets bei ihren Mitstreitern finden.

Hier geht es um etwas anderes, nicht um Gesamturteile, sondern um vorläufige Urteile, was man nicht mit einschnappenden Vorurteilen verwechseln möge. Erstrebt wird eine Bcschnupperungskunst, eine ästhetische Witterung, die mit Vorgefühlen und Ahnungen, die keineswegs dunkel sind, an den Titeln abliest, wie gut ein Buch sein könnte. Solche Urteile sind manchmal irrig, sie müssen jederzeit zurücknehmbar sein, und wer sie aus barer Unkenntnis fällt, verwirkt den Anspruch auf den Titel eines Titelkritikers. Ehe man sich in der Kunst übt, Bücher nach ihren Titeln abzuschätzen, muß man Unmengen Papier verschlingen und den jeweiligen Titel an dem gedruckten Text messen.

All dieser Vorbehalte eingedenk, möchte ich die Leser für die Kunst der zeitsparenden Bücherbewertung präparieren. Die Titelseite eines Buches ist sein Gesicht, und so geschickt wie ein Mensch kann sich ein Buch nicht verstellen, einfach deswegen, weil es eine Maske verpaßt bekommt und anschließend keine Miene mehr verzieht. Die Maske ist sein einziges Gesicht, das man nur lange genug betrachten muß, um seine verräterischen Züge wahrzunehmen. Der Titel ist das Aushängeschild der Ware Buch, und so wie jede andere Ausschilderung macht sich auch diese strafbar, wenn sie nicht zutreffend ist. Titelkritik, die dem Etikettenschwindel auf die Schliche kommt, praktiziert Sprachkritik mit dem Zweck, bessere Titel und bessere Bücher anzuregen. Ich fange, um meine Maßstäbe zur Diskussion zu stellen, mit den Titeln an, die ich für gut halte. Wo bleibt das Positive? Hier ist es schon! Meine Beispiele stammen aus der Philosophie, der Literatur und der Wissenschaft. Autorennamen und Verlagsnamen werden dabei nicht verraten, weil die Titelkritik, so aufschlußreich sie ist, nicht ausreicht, um über die Produzenten insgesamt zu urteilen. Sollte jemand die Namen aller Autoren und Verlage erraten, so möge er mir schreiben; zum Dank erstatte ich ihm die Portokosten.

Um dem Leser die Hoffnung auf die hohe Belohnung nicht gleich zu rauben, lobe ich zu Beginn ein paar Titel, die jeder kennt. DAS PRINZIP HOFFNUNG, diese drei wuchtigen Wörter treffen genau in das Zentrum der Sache und sind rhythmisch schön, zwei starke Akzente folgen dicht aufeinander. Auch die Zusammenstellung ist ungewöhnlich: es heißt nicht ,Hoffnung als Prinzip' oder ,Hoffnung und Geschichte' oder 'Der Begriff der Hoffnung' , was alles Allerweltstitel wären. Man kann von Glück sagen, daß die früheren Arbeitstitel 'Enzyklopädie der Hoffnungen', ,Träume von einem besseren Leben' und 'System des theoretischen Messianismus' vom Autor aufgegeben wurden. AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT, auch in diesem Titel stecken Grundintentionen des ganzen Werkes: die Vergangenheit fällt dem, der sich erinnern will, nicht in den Schoß, sie muß ihm
wieder einfallen, die unwillkürliche Erinnerung ergibt sich erst dank zielstrebiger Suche, und wenn durch die Mühsal des exakten Erinnerns die ganze Zeit heraufgerufen wird, erscheint sie wiedergefunden und doch unwiederbringlich.