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Ulrich Erckenbrecht
Im Weidengarten 19, D-34130 Kassel
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Ulrich Erckenbrecht, Brief über Chopin. Eine passionierte Einführung in Werk und Wirkung des größten Klavierkomponisten der Weltmusik.

224 Seiten, 10,- Euro,
ISBN 3922494196.

Leseprobe: siehe unten

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Leseprobe "Brief über Chopin"

Heinrich Heine. — Im gleichen Jahr wie Chopin (1831) kam auch Heine nach Paris, um dort zu leben und zu sterben. Sie befreundeten sich ein bißchen und kommunizierten miteinander (in den 30er Jahren mehr als in den 40er Jahren). Sieben Jahre nach Chopin starb Heine (1856). Im Laufe der Jahre wallfahrte ich sowohl zum Grab von Chopin als auch zum Grab von Heine.
Bis zum Jahre 1978 wußte man nicht, was Chopin über seinen Kumpan Heine gedacht hatte. In diesem Jahr wurden die gegen Ende des 19. Jahrhunderts niedergeschriebenen Erinnerungen von Solange, der Tochter George Sands, veröffentlicht (ich hatte sie dir schon mehrfach empfohlen), und seitdem ist bekannt, wie Chopin über Heine urteilte: der Zynismus Heines stieß ihn ab, aber seine köstlichen Gedichte bezauberten ihn, und sein diabolischer Witz belustigte ihn. Nach dem Eindruck Solanges stand Chopin zu Heine genau umgekehrt wie zu Delacroix — den Menschen Delacroix liebte er, doch mit dessen Werken konnte er nichts anfangen, während er Heines Talent und Werk anerkannte, jedoch den Menschen Heine eher abstoßend fand. Nachlesen kannst du das auf Französisch in dem Text von 1978 (Solange Clésinger, Frédéric Chopin, Souvenirs inédits, Revue musicale de Suisse romande, 31. Jg, Nr. 5/1978, S. 228).
Franz Liszt, der Heine den melancholischsten aller Humoristen nannte, hat der Kommunikation zwischen Chopin und Heine in seinem Chopinbuch gleich mehrere Seiten gewidmet (Franz Liszt, Gesammelte Schriften I, Hildesheim 1978, S. 103-106), aus denen ich zwei zentrale Passagen anführen möchte: Chopin spielte bei einer Abendgesellschaft auf seinem Pleyelflügcl, und Heine lauschte "Chopins Erzählungen über das geheimnisvolle Land, in dem auch seine ätherische Phantasie gern verweilte und dessen liebliche Gefilde sie durchstreift hatte. Chopin und er verstanden sich mit wenig Worten und Tönen. Der Musiker beantwortete in seiner Sprache die leise gestellten Fragen des Dichters ... Da Heine Chopin häufig von seinen Streifereien im übernatürlichen Reich der Poesie unterhielt, wiederholte uns dieser seine Gespräche und Schilderungen, offenbarte uns das Vernommene, und Heine ließ ihn gewähren und vergaß unsere Gegenwart, während er ihm lauschte". Dieser Bericht ist gewiß etwas idealisiert; der abstoßende Zynismus Heines, den Solange herausgehoben hat, kommt bei Liszt nicht vor; dafür enthält Liszts Darstellung manche Züge, die offenkundig Solange entgangen sind.
Seit langem bekannt ist, wie Heine über Chopin dachte. In Briefen, Gesprächen und Presseartikeln ist uns das überliefert worden. Was Heine in Briefen und Gesprächen über George Sands Roman "Lucrezia Floriani" und über den wenig später einsetzenden Bruch zwischen George Sand und Chopin äußerte, möchte ich nur kurz erwähnen: George Sand habe seinem Freund Chopin in diesem Roman übel mitgespielt, und es sei unwürdig von ihr gewesen, den schwerkranken und dem Tode nahen Chopin zu verlassen. Dies sind Äußerungen aus der Erregung des Augenblicks, und so etwas soll man nicht kommentieren. Erwähnenswert aus den "Begegnungen mit Heine" (hrsg. Michael Werner, 2 Bände, Hamburg 1973) ist ferner Heines liebevolle Gesprächsäußerung über Chopin aus der Zeit vor dem Bruch mit George Sand: "Chopin, der Klaviervirtuos, ein liebenswürdiger Mann, dünn, schmal, vergeistigt wie ein deutscher Poet aus der Trösteinsamkeit" (Bd. 1, S. 427).
In seinen Publikationen stehen Heines entscheidende Urteile über das Genie Chopin. Gesammelt sind sie in dem Band "Heinrich Heine und die Musik, Publizistische Arbeiten und poetische Reflexionen" (hrsg. Gerhard Müller, Köln 1987) und in seinen "Sämtlichen Schriften in zwölf Bänden" (hrsg. Klaus Briegleb, München 1976). Beide Ausgaben ergänzen sich, indem jeweils die eine etwas enthält, was in der anderen fehlt. Besonders der wenig bekannte Kölner Band ist zu empfehlen. Über den Bruch zwischen George Sand und Chopin schreibt Heine mit dein ihm eigenen Zynismus (in seinen Briefen und Gesprächen äußerte er sich zu diesem Punkt weniger zynisch): "Mit weit weltlicheren Funktionen hatte George Sand unseren vielgeliebten Frédéric Chopin betraut. Dieser große Musiker und Pianist war während langer Zeit ihr Cavaliere servente; vor seinem Tode entließ sie ihn; sein Amt war freilich in der letzten Zeit eine Sinekure geworden" (Sämtliche Schriften, Bd.9, S.264).
In seinem Werk "Über die französische Bühne" (Zehnter Brief) hat Heine seinem Freund Chopin ein achtungsvolles Denkmal errichtet: "Es wäre ungerecht, wenn ich bei dieser Gelegenheit nicht eines Pianisten erwähnen wollte, der neben Liszt am meisten gefeiert wird. Es ist Chopin, der nicht bloß als Virtuose durch technische Vollendung glänzt, sondern auch als Komponist das Höchste leistet. Das ist ein Mensch von erstem Range" (Heinrich Heine und die Musik, S. 106 f). Ergänzend dazu eine Passage aus dem Zeitungserstdruck: "... dieser (= Chopin) kann zugleich als Beispiel dienen, wie es einem außerordentlichen Menschen nicht genügt, in der technischen Vollendung mit den Besten seines Faches rivalisieren zu können. Chopin ist nicht damit zufrieden, daß seine Hände ob ihrer Fertigkeit von anderen Händen beifällig beklatscht werden; er strebt nach einem besseren Lorbeer, seine Finger sind nur die Diener seiner Seele, und diese wird applaudiert von Leuten, die nicht bloß mit den Ohren hören, sondern auch mit der Seele" (Heinrich Heine und die Musik, S. 109).
Weiter im Text der Buchfassung: "Chopin ist der Liebling jener Elite, die in der Musik die höchsten Geistesgenüsse sucht. Sein Ruhm ist aristokratischer Art, er ist parfümiert von den Lobsprüchen der guten Gesellschaft, er ist vornehm wie seine Person" (Heinrich Heine und die Musik, S. 107). Es folgt ein Satz, den Heine schlecht recherchiert hat und der auch sogleich den Widerspruch seiner Zeitgenossen herausforderte: "Chopin ist von französischen Eltern in Polen geboren und hat einen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen" (Heinrich Heine und die Musik, S. 107). Nur Chopins Vater war Franzose, seine Mutter war Polin. Deutschland hat Chopin mehrfach besucht, und seine beiden Hauptlehrer in der Musik (Zywny und Elsner) kamen aus der deutschen Tradition, aber deswegen kann man noch lange nicht behaupten, daß er einen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen hat.
Fortsetzung aus dem Text der Buchausgabe: "Diese Einflüsse dreier Nationalitäten machen seine Persönlichkeit zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung; er hat sich nämlich das Beste angeeignet, wodurch sich die drei Völker auszeichnen: Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine leichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn ..." (Heinrich Heine und die Musik, S. 107). In dieser Nationalitätenanalyse fehlt das vierte Element, das italienische. Ohne die italienische Belcantotradition ist Chopins Musik undenkbar und unfühlbar. Nicht drei, sondern vier Nationalitäten trugen zur Formation von Chopins musikalischer Persönlichkeit bei.
Nun die allerschönste und kongenialste von Heines Chopinreflexionen: "Die Natur aber gab ihm eine zierliche, schlanke, etwas schmächtige Gestalt, das edelste Herz und das Genie. Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Wortes; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie. Wenn er am Klavier sitzt und improvisiert, ist es mir, als besuche mich ein Landsmann aus der geliebten Heimat und erzähle mir die kuriosesten Dinge, die während meiner Abwesenheit dort passiert sind ..." (Heinrich Heine und die Musik, S. 107).
Ich hatte bei Balzac, dem größten französischen Schriftsteller der Chopinschen Epoche, alle seine Äußerungen über Chopin so ausführlich wie möglich zu dokumentieren versucht. Dasselbe möchte ich auch in dem Abschnitt über den größten deutschen Schriftsteller der Chopinschen Epoche tun. Ganz ähnlich wie Balzac, der Chopins Musik als "raffaelesk" bezeichnete, nannte Heine Chopin den "Raffael des Fortepianos" (Heinrich Heine und die Musik, S. 119). In meinem Lisztabschnitt hatte ich die ganze Passage, aus der diese Metapher stammt, bereits zitiert.
Noch ein wunderschöner Textabschnitt über den musikalischen Raffael: "... Chopin, der ... viel mehr Komponist als Virtuose ist. Bei Chopin vergesse ich ganz die Meisterschaft des Klavierspiels und versinke in die süßen Abgründe seiner Musik, in die schmerzliche Lieblichkeit seiner ebenso tiefen wie zarten Schöpfungen. Chopin ist der große geniale Tondichter, den man eigentlich nur in Gesellschaft von Mozart oder Beethoven oder Rossini stellen sollte" (Heinrich Heine und die Musik, S. 146). Dazu gibt es noch einen vierten Komponistennamen in einer Variante aus dem Zeitungserstdruck: "Meyerbeer" (Heinrich Heine und die Musik, S. 151). Später wandte sich Heine gegen Meyerbeer und strich seinen Namen aus der Gesellschaft von Mozart, Beethoven und Rossini.
Zum Abschluß eine aufschlußreiche Notiz Heines aus dem magischen Jahr 1844. Am 25. April 1844 schreibt Heine in Paris: "... Chopin, der holdselige Tondichter, der aber leider auch diesen Winter sehr krank und wenig sichtbar war..." (Heinrich Heine und die Musik, S. 154). Diese Notiz hilft erklären, warum ein junger Deutscher, den Heine als den "entschiedensten und geistreichsten" (Sämtliche Schriften, Bd. 9, S. 466) seiner in Frankreich weilenden Landsleute rühmte, den Tondichter Chopin im magischen Jahr 1844 vermutlich nicht zu sehen bekam.